Installation view: Auftakt/Prelude – Schafhof, European House of Art in Upper Baveria, Diploma – Academy of Fine Arts, Munich

WELLEN
2017
kinetic soundinstallation
35 cuboids each 49 × 40 × 40 cm
acrylic glass, iron, raspberry-Pi

Anne Pfeifer treibt bei Ihren kinetischen Klanginstallationen die Frage nach den Prozessen des Lebens und nach dessen Vergänglichkeit an. Mit der Arbeit „Wellen“ (Soundinstallation 2017) zeigt das Künstlerhaus Schafhof die jüngste und gleichzeitig ambitionierteste Arbeit der jungen Künstlerin. 35 Quader aus schwarzem opaken Plexiglas sind mannshoch mitten im Raum zu einer Pyramide übereinander gestapelt. Das hochglänzende Material spiegelt seinen Umraum und damit auch seine Betrachter. Ein Klopfen und Hämmern aus ihrem Inneren heraus lässt die zunächst starr anmutenden Quader plötzlich erzittern und einen Rhythmus entstehen.

Der Rhythmus in den Kisten assoziiert einen Herzschlag – sie werden lebendig und scheinen miteinander zu kommunizieren. Etwas Neues entsteht im Zusammenspiel der Quader; sie werden sowohl einzeln als auch als großes, pulsierendes Ganzes wahrgenommen. Dabei folgen sie einer bestimmten Dramaturgie, der Sound steigert sich zunächst langsam und schwillt dann zur vollen Lautstärke an. Phasen mitreißender Intensität werden unterbrochen von Intervallen der Stille. Der Betrachter bemerkt nicht nur die akustische sondern auch die visuelle Komposition, nach der Pfeifer ihre Quader „tanzen“ lässt. Das Klopfen endet so plötzlich, wie es begonnen hat und die Quader schwingen aus bis zum völligen Stillstand der Installation.

Schon bei ihrer ersten – aufsehenerregenden – Installation „Ceremony“, die 2016 entstanden ist und ebenfalls in dieser Ausstellung gezeigt wird, verbindet Pfeifer mit Hilfe von computergesteuerter Elektronik Klang und Bewegung mit einer reduzierten Formensprache. Ursprünglich der Malerei verschrieben, hörte Pfeifer damals einen bestimmten Rhythmus, woraufhin sich vor ihrem inneren Auge die Formen und Bewegungen von „Ceremony“ abzeichneten. Der Schritt weg von der Farbe als Ausdruckmittel hin zur bewegten Klanginstallation war getan. Ihre minimalen Quader scheinen frei an der Wand („Ceremony“) bzw. übereinander („Wellen“, Soundinstallation 2017) zu schweben und verraten zunächst nichts von ihrem Potential. Mit dem Einsetzen der Bewegung wird den Objekten eine neue, zeitliche Ebene hinzugefügt. Der Betrachter hält meist sprachlos inne, völlig unvorbereitet mitgerissen vom energiegeladenen Hämmern und Klopfen aus dem Innersten der Kisten heraus. Denn das tragende Holz- oder Eisengestell ist für den Betrachter unsichtbar, wie auch die gesamte Technik bei Pfeifer im Hintergrund bleibt, um die Illusion perfekt zu machen, die Installation erwache aus dem Nichts heraus zum Leben. Die Assoziation mit dem Lebendigen zeigt sich auch in den Ausmaßen der einzelnen Quader, die denen eines menschlichen Torsos entsprechen.

Ist ihre erste Arbeit „Ceremony“ noch aus dem weichen, organischen Material Holz gefertigt, experimentiert Pfeifer bald auch mit Spiegeln, Stoffen und Acrylglas. So überzieht sie die offene Frontseite eines Quaders mit Stoffen wie beispielsweise Leder oder Leinwand und wirft damit die Frage nach dem „Dahinter“ auf. Denn die kleinen Stifte im Inneren jedes Quaders, die gesteuert durch einen Stromimpuls blitzschnell aus- und eingefahren werden und damit das Klopfen und Hämmern erzeugen, zeichnen sich hier deutlich unter dem flexiblen Material ab.

Weg vom Blick aufs Innere und hin zu einer noch stärkeren Einbeziehung des Betrachters geht der Einsatz von Spiegeln und hochglänzenden Oberflächen. Im Gegensatz zu einer herkömmlichen Spiegelfläche kann man sich im Schwarz des Hi-gloss Acrylglases der Arbeit „Soundinstallation“ nur schattenhaft erkennen. Durch die Bewegung der Quader wird das Spiegelbild des Betrachters im schwarzen Acrylglas verzerrt; die Reflektionen des Lichts auf dem glatten Material erwecken den Eindruck einer vom Wind bewegten dunklen Wasseroberfläche. Der Blick changiert zwischen der Wahrnehmung des eigenen gespiegelten Bildes und dem Erfassen der Form des erzitternden Quaders. Durch die Größe der Arbeit und ihre Allansichtigkeit mitten im Raum sind die Quader auf Augenhöhe nicht nur eines, sondern gleich mehrerer Betrachter gleichzeitig.

Der Betrachter nimmt das Vibrieren der Quader auch körperlich wahr, er ist physisch involviert, und das mit mehreren Sinnen gleichzeitig. Das ästhetische Vergnügen am Rhythmus resultiert aus dem Wechsel von Ordnung und Veränderung. Dieses Phänomen ist interdisziplinär untersucht worden, nicht nur von der Kunst-, Musik- und Literaturwissenschaft sondern auch von Neurowissenschaftlern und Psychologen. Vor allem jedoch löst Rhythmus eine Bewegungsempfindung aus. Die Fähigkeit, sich synchron zur Musik oder im Takt zu bewegen, verstärkt in menschlichen Gruppen den Zusammenhalt.1 Lange bevor Kinder laufen lernen, können sie Arme und Beine zur Musik bewegen. Bestimmte Tempi regen besonders stark zum Mitklatschen, -wippen oder Tanzen an, auch die Lautstärke spielt eine Rolle.

Und genau das macht die überwältigende Wirkung von Anne Pfeifers Klanginstallationen aus: Getragen von der universellen Erfahrung des an- und abschwellenden Rhythmus, kann sich der Betrachter ganz dem Tanz der Quader hingeben.

Kunsthistorikerin Katharina Brauch, Europäisches Künstlerhaus Oberbayern,

25.2.-23.4.2017