Videoinstallation "Splitterstücke" in der historischen Aula der AdBK München

Photograph: Wilfried Petzi, Installation view: Academy of Fine Arts, Munich

 

SPLITTERSTÜCKE (FRAGMENTS OF THE MIRROR)
2015
videoinstallation from Anne Pfeifer and Bernhard Kreutzer
4:3 PAL, 12 min, loop

 

Wer bin ich? Hinter dieser komplizierten Frage verbergen sich viele unterschiedliche Vorstellungen, alle kreisen sie um das Thema des einmaligen Menschen, des Individuums. Würde man nur einen einzigen Menschen betrachten, wäre er dann bereits individuell? Oder benötigt es nicht mindestens zwei Personen, um das Einzigartige durch Unterschiede benennen zu können?

 

Damit sind wir bereits mitten im Motiv der Videoarbeit, die Anne Pfeifer und Bernhard Kreutzer gemeinsam entwickelt haben. Sie wurde in der abgedunkelten Aula gezeigt, dem Festsaal der Münchner Kunstakademie mit kostbaren Gobelins, die Motive des Renaissancemalers Raffael zeigen. Hier standen vier Stelen in gleichem Abstand in einer Reihe nebeneinander. Es handelt sich um Sockel mit Bildschirmen, die das obere Viertel der Stele einnehmen, Auf den Monitoren ist jeweils ein Kopf zu sehen. Wie bei antiken Büsten sitzt der Kopf auf nackten Schultern. Die Personen schauen uns frontal an und halten einen Gegenstand zwischen Daumen und Zeigefinger, den sie langsam vor ihrem Gesicht bewegen. Es ist eine Spiegelscherbe. Auf ihr erkennt man einen Gesichtsausschnitt, der jenem entspricht, welcher gerade von der Scherbe selbst verdeckt wird – allerdings mit einem Ausschnitt aus dem Gesicht einer der drei Personen auf den anderen Stelen. Wird die Stele bewegt, verändert sich folglich auch der Ausschnitt.

 

Alle vier Personen unterscheiden sich in Haut- und Haarfarbe deutlich, der Gesichtsausdruck bleibt jedoch bei allen konzentriert und auf das Gegenüber fokussiert. Es scheint, als ob sie sich tatsächlich gegenüber gesessen hätten und jeweils einer der anderen im Bruchstück gespiegelt hat. Es gibt keine festgelegte Choreografie der Handbewegungen, doch bleibt das Spiegelfragment zumeist über dem Gesicht und lässt somit immer ein Stück des anderen im eigenen Antlitz erscheinen, in jedem der vier Individuen "steckt" eine Reflektion des Partners; jeder zeigt abwechselnd jeden in unterschiedlicher Abfolge und auch Dauer.

 

Die Beobachtung lässt sich auf innere Prozesse übertragen, in der Auseinandersetzung mit anderen Menschen "schaffe" ich mich selbst. Die Arbeit basiert auf solchen persönlichen Erfahrungen. Alle vier Personen, zwei davon sind die Künstler selbst, kennen sich gut. Die sprachliche Metapher, etwas widerzuspiegeln, erfährt durch die Spiegelscherbe eine sinnliche Umsetzung. Ohne Kenntnis des Anderen gibt es keine Erkenntnis des Eigenen, des Individuums. Nur durch die Begegnung lässt sich die eigene Person reflektieren, also gedanklich spiegeln. Und diese Reflektion schafft wiederum ein Bewusstsein für die eigene Identität und damit für jene Fähigkeit, Eigenschaften und Einstellungen, welche den Einzelnen einzigartig machen und ihn zugleich einer gesellschaftlichen oder sozialen Gruppe zuordnen.

 

Kunsthistoriker Jochen Meister, im Kunstkalender 2015 der LfA Förderbank Bayern